Das Klassentreffen

Hier ist, worauf alle gewartet haben:

Die achte Muffingeschichte von unserem Starautor Strunzheinz

Wenn mein Telefon in der Backstube klingelt, kann die Anruferin eigentlich nur eine bestimmte Person sein. Deshalb war ich auch nicht verwundert, als ich mit  meiner Arbeit , die  noch warmen Schwarzwälder-Kirsch-Muffins mit frischen Kirschen zu belegen, aufhörte und am anderen Ende der Leitung Gudruns vertraute Stimme vernahm:

"Hast Du die Einladung schon bekommen?" fragte sie ohne Begrüßung, ohne Einleitung, wie das so ihre Art ist.

"Guten Morgen liebe Gudrun!" antwortete ich übermäßig höflich. "Welche Einladung denn ?"

"Na, die zu unserem Abijahrgangstreffen für Dienstag in vier Wochen".

"Ich bin sicher nicht eingeladen..." fing ich an. Das schien mir die sinnvollste Ausrede zu sein, nicht hingehen zu müssen. Mir war sofort klar, daß Gudrun alles  daran setzten würde, mich zu überreden, zusammen mit ihr hinzugehen. Ich hatte mich nicht geirrt.

"Natürlich ist jeder aus unserem Jahrgang eingeladen. Sogar solche Leute, die es auf dem Abiball geschafft haben, durch ihre unkonventionelle Tanzweise die Kleider der  beiden Jahrgangsköniginnen  irreparabel zu ruinieren". Meine bis dahin mittelmäßige Laune wurde durch die Erinnerung an den peinlichen Abiballabend rapide verschlechtert. Immerhin hatte ich es durchgehalten seit diesem Vorfall nie wieder zu tanzen. Die teueren Schadensersatzrechnungen hatten mir jede noch so starke Lust am Tanzen genommen..............

"Ich gehe sicher nicht hin", sagte ich bestimmt.

"Natürlich tust Du das und zwar mit mir" befahl Gudrun.

Natürlich sollte sie recht behalten.

Natürlich betraten wir vier Wochen später  gemeinsam den Biergarten, in dem das Großereignis steigen sollte.

Und natürlich  lief alles haargenau so ab, wie ich es befürchtet hatte. Wo ich hinschaute, wurde ich Zeugin dieser typischen "Mein Haus - mein Auto - meine Familie  - meine Yacht" - Gespräche  und auch ich konnte ihnen nicht entfliehen, obwohl ich bestmöglich versuchte so zu tun, als gehörte ich zum Personal des Biergartens. Einmal trug ich  sogar vier Maßkrüge auf einmal in die Küche.

" Mein Gott Luisa ! " Eine bieder wirkende Frau, die mit ihrer Hornbrille, der Dauerwelle und dem Dirndl zehn Jahre älter aussah als die  Mütter der anderen  Jahrgängler, kam auf mich zugetrampelt.

"Kathrin, wie schön " heuchelte ich gequält. Und obwohl ich mir vorher hundertmal geschworen hatte, es nicht zu tun, fragte ich doch: " Wie geht’s denn so ?" Die Strafe folgte auf den Fuß. Kathrin begann mehr als eine halbe Stunde lang, die Vorzüge ihres Lebens als glückliche Mutter und Hausfrau zu preisen. Sie schloß ihre Ausführungen mit den noch gefürchteteren Worten: " Huch, jetzt habe ich ja nur von mir geredet. Wie geht es Dir denn eigentlich, was machst Du so?".

"Ich betreibe eine Muffinerie " verkündete ich stolz.

" Aha und was ist das genau ?" fragte Kathrin, ohne daß sie sich für meine Antwort wirklich interessierte. Schließlich hatte sie bereits alles gesagt, was gesagt werde mußte und war nun offensichtlich darauf erpicht, unser Gespräch rasch zu beenden.

Dazu hatte ich jetzt aber plötzlich keine Lust mehr. So legte ich ihr klar und detailliert die Prinzipien meiner Tätigkeit dar. Daß ich ähnlich wie eine Bäckerin arbeitete, nur daß ich anstelle von Brot und Brötchen ausschließlich Muffins backe. Daß ich mehr als fünfzig verschiedene Sorten verkaufe, daß ich auch Partiegesellschaften versorgte und so weiter........

Nachdem ich 31 Minuten geredet hatte ( Ich hatte die Zeit gestoppt, um sicherzugehen, daß ich wirklich den Sieg davon getragen hatte) beendete ich meinen Vortrag. 

"Interessant" meine Kathrin nur. "Vielleicht sieht man sich mal wieder".

"Vielleicht" verabschiedete ich mich.

Die erste Übung hatte ich hinter mich gebracht. Verstohlen blickte ich mich um und betrachtete meine ehemaligen Mitschüler. Eigentlich hatten sich zumindest äußerlich alle genauso entwickelt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Keine groben Ausfälle....

Mit einigen unterhielt ich mich mehr, mit anderen weniger.

Norbert zum Beispiel bekannte sich mittlerweile öffentlich zu seiner Homosexualität. Künstler müssen eben schwul sein, um ernst genommen zu werde, das war mir schon früh klar. Er sprach ständig von Miquel, seiner Muse, die ihn restlos zu erfüllen schien.

Juliane arbeitete mittlerweile als Bankerin, was nicht zu übersehen war. Sie riet mir taktlos wie damals, McMuffinaktien  zu kaufen.

Tina war die typische Grundschullehrerin geworden. Das  Burn Out-Syndrom würde sicher nicht lange auf sich warten lassen .  Und schuld sind natürlich nur die Computer.........

Gelebte Klischees überall. Einerseits entsetzte es mich, andrerseits hatte ich gar nichts anderes erwartet.

Alle zeigten  stets dieselbe Reaktion auf meinen Beruf. Sobald ich meine Muffinerie erwähnte, erschien dieser spezielle Ausdruck auf dem Gesicht meines Gegenübers. Abschätzigkeit, Überheblichkeit, Geringschätzung, Arroganz, Ignoranz, das alles war in den Gesichtern zu lesen.

Die Frage, die kommen mußte, sprach allerdings nur einer  offen aus ! Michael, der Unternehmensberater, der während des Treffens vierzehnmal auf seinem Handy telefonierte. (Wichtige Leute rufen an !)" Warum Luisa hast Du eigentlich Abitur gemacht, wenn Du jetzt doch nur eine einfache Bäckerin geworden bist?"

Empört erwiderte ich noch " Ich habe Abitur gemacht, um den Muffin an sich zu begreifen " , bevor ich mich abwandte. Nach diesem unbefriedigendem Dialog beschloß ich, nach Hause zu gehen. Was sollte ich schon verpassen, wenn ich mich früh aus dem Staub machte, außerdem mußte ich Kräfte für den nächsten Arbeitstag sparen, um mich voll auf mein Werk konzentrieren zu können.

Es wollte mir in dieser Nacht einfach nicht gelingen, abzuschalten und sofort einzuschlafen. Eine halbe Ewigkeit lag ich noch wach ,dachte an die Gesichter, in die ich am  Abend geblickt hatte.

Schlagartig überfiel mich die plötzliche Einsicht, warum ich wirklich Abitur gemacht hatte.

Ich hatte Abitur gemacht, um in meinem nächsten Leben zu wissen, daß ich diesen Fehler  nie wieder  machen würde.

 

Sagt doch dem Strunzheinz mal die Meinung zu dieser Geschichte:

Welche Geschichte hast Du gelesen?

Strunzheinz, Du bist...

...ein Hohlkopf

...ein Psychopath

...ein Muffin

Appetit bekommen? Wir haben ihn exklusiv: den Muffin zur Geschichte