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Ich hasse alberne Menschen, ich hasse laute Musik und aufgesetzte Fröhlichkeit. Kein Wunder also, daß die Faschingszeit nicht gerade zu meiner liebsten Jahreszeit zählt. Wenn`s nach mir ginge, würde ich von November bis März jedes Jahr nach Gibraltar, Timbuktu, Kasachstan oder sonstwohin auswandern. Wie es aber im Leben so ist, kann man nicht immer nur das tun, was einem selbst gefällt. So muß ich mir dann jedes Jahr aufs Neue die Betteleien meiner Nachbarn anhören, sie doch zum Faschingsball im Vereinsheim zu begleiten, um „gemeinsam einen drauf“ zu machen. Bisher ist es mir noch nie gelungen, mich erfolgreich „um meine Verpflichtungen als guter Nachbar zu drücken“. Letztes Jahr hätte ich es fast geschafft, aber dann kamen Hans und Fritz auf die glorreiche Idee, sich als Sänftenträger zu verkleiden. Ich habe mich schließlich breitschlagen lassen, den Getragenen zu spielen. Natürlich wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß sich die Rollenverteilung später umdrehen würde, weil Fritz partout unter Beweis stellen mußte, daß er mehr Alkohol verträgt als Hans. Er hatte übrigens recht. Heimgetragen werden mußten sie trotzdem beide.......und zwar von mir.
Heuer sollte es eigentlich anders werden........
Glücklicherweise wurde Fritz am Vortag des Schreckens Opfer der kursierenden Grippewelle und auch Hans blieb nicht verschont. Nicht daß ich gewöhnlich über das Leid meiner Mitmenschen erfreut wäre, aber in Einzelfällen kann das schon mal vorkommen.
Ich richtete mich am Tag X also auf einen gemütlichen Fernsehabend ein, ich hatte sogar schon meine Lieblingschips gekauft und das Fernsehprogramm auswendig gelernt, als mein Telefon klingelte.........Wahrscheinlich meine Mutter, die mir mitteilen wollte, daß mein Essen in ihrer Küche zur Abholung bereit stand. Mürrisch hob ich ab und erkannte erstaunt Fritz` Stimme . Was konnte der bloß wollen ??
Er druckste nicht lange herum, da er fürchtete angesichts seiner Heiserkeit nur über ein begrenztes Stimmpotential zu verfügen. Ich sollte im Partnerkostüm mit seiner Frau auf die Vereinsfeier gehen, weil sich Gisela, Fritz` Frau, so viel Mühe bei der Bastelei der Verkleidung gegeben hätte und schrecklich enttäuscht wäre, wenn sie keinen Begleiter finden würde.
Es half nichts, ich mußte zusagen, um Fritz´ Gesundheit nicht übermäßig zu strapazieren. Punkt 19:30 Uhr stand Gisela vor meiner Tür. Sie hatte sich ein merkwürdig langes Pappstück vor und hinter den Körper gebunden und war von oben bis unten mit Alufolie umhüllt. Die Pappe hatte mehrere große runde Löcher, die mit Folie vertieft ausgekleidet waren. „Was bist Du ?“ fragte ich sie verblüfft. „Ich bin in einer sehr wichtigen Mission unterwegs und Du wirst mich darin unterstützen“. Sie wollte also einen Satelliten darstellen. Jetzt erkannte ich es auch eindeutig. Nur was war meine Rolle dabei? „Zieh das hier an!“ befahl sie mir barsch und warf mir einen prall ausgestopften, riesigen gelb-beigelichen Pullover zu, der unten mit hochstehenden ,steifen, weißen Rüschen verziert war. Ein Raumanzug?? „Du bist der Muffin, ich Deine Form“ erklärte Gisela. Noch bevor ich irgendwas erwidern konnte, hatte sie mich genötigt eine weiße Strumpfhose anzuziehen ...und dazu weiße Turnschläppchen, die mir viel zu klein waren und überall drückten.
Was um Himmels Willen ist ein Muffin? Ich konnte mich partout nicht erinnern, dieses Wort je gehört zu haben. Leider bin ich von jeher etwas schüchtern dominanten Frauen gegenüber, so wagte ich nicht Gisela danach zu fragen. Als meine Kostümierung Giselas Ansprüchen genügte, zerrte sie mich hinter sich her, zuerst aus der Haustür raus, dann durchs Dorf. Merkwürdigerweise in die falsche Richtung. Nach endlosen zehn Minuten hatten wir das Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr erreicht. Jetzt nahm ich all meinen Mut zusammen. „Gisela“ begann ich vorsichtig. „Gisela, der Faschingsball findet doch im Sportvereinsheim statt“. „Und ?“ „Das hier ist aber das Haus der Freiwilligen Feuerwehr“. „Hat Dir Fritz nichts gesagt? Das hier ist auch unser Vereinsheim“. „Euer Vereinsheim ?“ wollte ich fragen, ich verstand überhaupt nichts mehr. Dann fiel mein Blick auf ein riesiges Schild. „Verein der Freunde und Förderer der hohen Muffinbackkunst“ war darauf zu lesen. Auf einem Plakat daneben war für diesen Tag ein Einweihungsfest der von der „Feuerwehr zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten“ angekündigt. Entsetzt flüchtete ich mich nach innen. Dort sah es auch nicht besser aus. An der Wand hingen selbstgefertigte Häkel- und Strickbilder mit Aufschriften wie „Ruhm und Ehre für den Muffin“ oder „Muffinbäcker aller Länder vereinigt Euch“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wußte ich dann auch, was genau ich in meinem Kostüm darstellen sollte, und der Gedanke daran sollte mich nicht mehr loslassen. Rückblickend sehe ich mich nicht in der Lage, den Abend mit dem ganzen Ausmaß des Grauens, das ich empfand, zu beschreiben. Bis zwei Uhr morgens mußte ich mir von sämtlichen Frauen des Dorfes Komplimente über mein Kostüm gefallen lassen. Alle fünf Minuten zwangen mich die Vereinsmitglieder eine neue Kreation von Muffin zu probieren und ein Urteil über Geschmack, Aussehen und Konsistenz abzugeben. Das Schlimmste aber war, daß ich als Giselas Partner, die sich übrigens als Vereinsgründerin und Vorsitzende entpuppte, nicht von ihrer Seite weichen durfte. Gisela erzählte jeder, mit der sie sich unterhielt, so unter anderem auch der Schriftführerin des Vereins, der Vorsitzende des Vergnügungsauschusses und der Kassenwartin , daß es strengstens verboten sei, Teig in eine noch heiße Muffinform zu füllen, da die Muffins dann beim Backen nicht aufgehen. Die Zuhörerinnen reagierten auf Giselas Ausführungen jedesmal so dankbar, als habe Gisela sie nach langer Phase des Herumirrens wieder auf den Pfad der Tugend zurückgeführt.
Ich war noch nie in meinem Leben so erleichtert, wie zu dem Augenblick, als Gisela verkündete, die Feier verlassen zu wollen. Es war zu einer kleinen Auseinandersetzung mit der Jugendbetreuerin gekommen, weil diese für die Pina-Colada-Muffins die falschen Zutaten benutzt hatte.
Wir verließen die Feier, ich brachte Gisela nach Hause. Dort traf ich auf Fritz, der im Wohnzimmer Fernsehen schaute, Chips in sich hineinstopfte und überhaupt kein bißchen den Eindruck eines Kranken machte . „Warum hast Du mich angelogen?“ zischte ich an. „Weil Du sonst nicht mitgegangen wärst!“ gab er zu. An der Haustür verabschiedete sich Gisela mit den Worten: „Bis in zwei Wochen dann“. „ Was ist da?“ wollte ich wissen. „Erste offizielle Muffinparty“ antwortete sie, als sei das das Selbstverständlichste überhaupt. „Fritz möchte sicher viel lieber mitgehen als ich“, meinte ich und nahm dabei all meinen Mut zusammen. „Fritz macht sich nichts aus Muffins. Er ist nicht so verständnisvoll wie Du“.
Da war es um mich geschehen. Wie von der Tarantel gestochen rannte ich schnellstmöglich los. Mein Kostüm behinderte mich dabei natürlich enorm, aber das war mir in diesem Moment völlig egal.
Jetzt- zwei Tage später- habe ich mich von dem Schock ein wenig erholt. Vor fünf Minuten habe ich mit dem Vorsitzenden des Sportvereins telefoniert, ich habe ihm versprochen, daß er beim nächsten Faschingsball im Vereinsheim ganz sicher mit meiner Anwesenheit rechnen darf.
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