Haus-Terror

Hier ist, worauf alle gewartet haben:

Die zwölfte Muffingeschichte von unserem Starautor Strunzheinz

In der Schule habe ich irgendwann einmal in Geschichte gelernt, dass es eine Zeit gab - den Humanismus-, in der die Menschen eine allseitige Bildung für das  zu erstrebende Ideal hielten. Diese Vorstellung faszinierte mich, doch ich war mir sicher, dass es niemals einen Menschen gegeben hat oder geben würde, der tatsächlich auch nur ein Hundertstel des gesamten  Wissens  dieser Welt verinnerlicht hatte. Diese Erkenntnis begleitete mich mein Leben lang und hielt stets als Entschuldigung für mein allseitiges Unwissen her, bis ..... ja bis ich eine Frau kennenlernte, die  mir das Gegenteil beweisen konnte. Meine Nachbarin Frau Sorger ! Sie hat nicht einmal studiert und doch kennt sie sich in jedem denkbaren Gebiet so genau aus, als habe sie die Wissenschaft des entsprechenden  Gegenstandes selber begründet. Schon am Tag meiner ersten Begegnung mit ihr, führte sie mir ihr unglaubliches Wissen vor Auge.  Es war der Tag meines Umzugs in die neue Wohnung. Die Wohnung, die direkt über der von Frau Sorger lag. Meine Möbel standen alle bereits  in der neuen Wohnung kreuz und quer verstaut. Ich trug meinen Ficus Benjaminus durchs Treppenhaus und überlegte mir gerade einen Standort für ihn, als eine  Frau- Frau Sorger, wie ich später erfahren sollte- mit gerunzelter Stirn auf mich zuging und mich ermahnte, den Ficus bloß nicht schräg zu halten, das schade seinem Gleichgewichtssinn. Er würde nie wieder gerade wachsen, wenn er erstmal die Schräglage verinnerlicht habe. Freundlich bedankte ich mich für den Hinweis, stellte den Ficus Benjaminus ab und mich vor. Frau Sorger tat es mir nach, erzählte von ihrer Geburt in Krumbach, den dort wachsenden Apfelbäumen,

Willhem Tell, der letzten Münchner Inszenierung der "Räuber", von Jacques Du Truts Psyche, der veränderten Kindheit und dem immensen Bedeutungsverlust der Höflichkeit. Glücklicherweise gelang es mir unauffällig  mein Handy, das ich immer bei mir trage ( denn ich möchte meinen ersten Anruf nicht verpassen) zum Klingeln zu bringen. Ich tat so, als höbe ich ab, begann einen spannenden Dialog mit der toten Leitung am anderen Ende, nickte Frau Sorger kurz zu und verschwand in meiner Wohnung. Erst später bemerkte ich, dass ich vor lauter Schauspielerei den Ficus Benjaminus im Flur vergessen hatte. Ich wollte ihn leise, um ja Frau Sorger nicht zu wecken, holen, doch er befand sich nicht mehr im Treppenhaus. Ich bedauerte den Verlust nicht wirklich, eigentlich hatte ich Gummibäume nie leiden mögen und ehrlich gesagt habe ich sie immer an die Orte in meinen früheren Wohnungen gestellt, von denen ich wußte, dass sie für derlei Pflanzen denkbar ungeeignet sind. Also begann ich meine  Räumlichkeiten gemütlich einzurichten. Ich hatte den Ficus schon aus meinem Bewusstsein verdrängt, als es am nächsten Morgen um viertel sieben an meiner Tür klingelte, noch im Nachthemd öffnete ich die Tür, draußen  standen Frau Sorger und der Ficus.

" Guten Morgen !" begrüßte mich Frau Sorger mit anklagendem Blick. "Sie haben  noch geschlafen?  Das ist aber gar nicht gesund. Sie sollten gerade die Morgenstunden nutzen, um effektiv zu arbeiten. Da ist das Energiepotential für Frauen Ihres Alters am höchsten" Im übrigen sei es wissensschaftlich erwiesen, fügte sie hinzu, dass sich ein Seidennachthemd, wie ich es trüge, negativ auf die Unterbewusstseinsverarbeitung im Traum auswirke. Ich bedankte mich für den Ficus und die Ratschläge, wollte die Tür schließen, als Frau Sorger erst richtig mitteilsam wurde.

Sie habe sich erlaubt, den Ficus für eine Nacht unter ihre Fittiche zu nehmen, fuhr meine neue Nachbarin ihre hochinteressanten Rede fort, schließlich könne eine Nacht  im Treppenhaus tödlich für die hochsensible Pflanze sein. Dann erfuhr ich auch, woher ihr reichhaltiger Erfahrungsschatz über Pflanzen stammte. Ihre Freundin leite eine Gärtnerei. Was ich denn arbeitete ?  Steuerberaterin? Ein höchst unsittlicher Beruf, wie sie feststellte, aber ich könne ja nichts dafür, dass mir ausgerechnet dieser Beruf von meinen Eltern aufgedrängt worden sei. Dass es nicht meine eigene Entscheidung gewesen war, das wusste Frau Sorger sofort. Ich sei nämlich den Pyknikern zuzurechnen und diese hätten als Kind unter sehr dominanten Eltern zu leiden, hinzu käme, dass ich auch noch einen älteren Bruder hätte, was meinen Hang zur Unterwürfigkeit nur noch bestärkt habe. Nach Frau Sorgers zweistündigem Therapiegespräch konnte ich mein Glück gar nicht fassen, dass es in Zukunft jemandem geben würde, der sich immer und jederzeit meiner Probleme annehmen würde, vor allem solcher , derer ich mir noch gar nicht bewusst gewesen war. Womit hatte ich dieses unsägliche Glück nur verdient?

In den nächsten Wochen änderte sich meine Lebeneinstellung von Grund auf. Was nicht zuletzt an meiner Nachbarin lag. Sie heilte mich von meiner Blindheit und  gab  mir Einblick in mein wirkliches Leben:Ich erfuhr, dass ich jahrelang unzähligen Irrglauben nachgehängt hatte. So sei mein Freund Michael ein krankhafter Nymphomane, der seine Sucht mehrheitlich in fremden Betten befriedige, mein Auto der geklaute umgespritze Wagen ihres Cousins vierten Grades. Meine Mutter entpuppte sich als meine Pflegemutter, die leibliche sei bei meiner Geburt gestorben, aber es lohne sich nicht, mehr  über sie erfahren zu wollen, da mich  wegen meines unsteten Lebenswandels in zwei Jahren spätestens ohnehin ein höchstwahrscheinlich tödicher Schlaganfall ereilen würde.

Irgendwie beschloss ich, musste ich mich dankbar für alles zeigen, was mir Frau Sorger gelehrt hatte. So stand ich eines morgens mit einem Teller frischgebackener  Bananen-Walnuss-Muffins vor der Tür meiner Nachbarin.

"Oh! Wie entsetzlich freundlich von ihnen!" bedankte sich Frau Sorger. " Wissen Sie, wenn Sie die Muffins für sich selbst backen, können Sie in Zukunft  viel Fett und unnötigen ungesunden Zucker sparen, wenn Sie die Schokoladenglasur weglassen. Sie haben nämlich in letzter Zeit ziemlich zugelegt, was Ihren bevorstehenden Schlaganfall nicht unbedingt verzögern wird.  Meinen Mann habe ich auf diese Weise um fünf Kilo erleichtert."sprach Frau Sorger und biss herzhaft in den größten Muffin

" Bei meinen Muffins habe ich den Schokoladenguss weggelassen" entgegnete ich höflich lächelnd, aber bestimmt. Dieser Hinweis Frau Sorgers war also ausnahmsweise mal völlig überflüssig gewesen, denn Arsen ob im Schokoladenguss oder wo auch immer, habe ich noch nie leiden mögen........    

 

Appetit bekommen? Wir haben sie exklusiv: die Muffins zur Geschichte:

Sagt doch dem Strunzheinz mal die Meinung zu dieser Geschichte:

Welche Geschichte hast Du gelesen?

Strunzheinz, Du bist...

...ein Hohlkopf

...ein Psychopath

...ein Muffin

...ein

, weil: