Muffin-Momente

Hier ist, worauf alle gewartet haben:

Die elfte Muffingeschichte von unserem Starautor Strunzheinz

Es gibt sie wirklich diese Momente. Und ich wünsche wirklich jedem, zumindest einmal einen solchen erleben zu dürfen. Ob es nun Zufall sein mag oder etwas anderes  „meine Momente“ jedenfalls habe ich immer in der Vorweihnachtszeit erfahren.

Als Kind habe ich in der Adventszeit besonders oft meinen Großvater besucht. Er war bettlägerig, seit ich denken konnte, und die meiste Zeit so müde und erschöpft, dass ihm  sogar manchmal das Essen wie eine Tortur erschien. Für mich aber nahm er jede Anstrengung auf sich. Ich liebte es, wenn er mir aus seinem großen dicken Weihnachtsbuch Geschichten vorlas. Obwohl ihm das Lesen große Schwierigkeiten bereitete, gab er meinem Drängen nach Geschichten stets nach. Drei davon hatten es mir besonders angetan und ich konnte einfach nicht genug von ihnen bekommen. Die traurigsten, aber doch auch die mit den besonderen Momenten. Da war zunächst Oscar Wildes eigensinniger Riese, der von einem kleinen Jungen, der sich schließlich als Jesus entpuppt, zum Guten bekehrt wird und zum Schluss von diesem ins Paradies geführt wird. Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, das Weihnachten durchs Fenster die Feier anderer Leute beobachten und dabei ganz eingenommen vom Glanz des Festes erfriert. Und der kleine Tannenbaum, dessen größter Traum zum Preis seines Lebens  in Erfüllung geht. Alle drei sterben glücklich. Am Ende der Geschichten habe ich jedes Mal Rotz und Wasser geheult und meinen Großvater dabei mit meinem Schluchzen  angesteckt, obwohl er mich immer wieder ob meiner sentimentalen Neigung schalt. Ich sehe jetzt noch die Tränen in seinen Augen vor mir, wenn ich an ihn denke.

Eines Tages sollte ich meinem Großvater Saft zu trinken bringen. Weil ich gerade mit meinem Bruder gestritten hatte, stellte ich das Tablett in meiner Aufregung etwas unsanft  auf Großvaters Bett ab. Und schneller als ich mich versehen konnte, war das Bett über und über mit Saft bekleckert .Ich wollte sofort frisches Bettzeug holen, um den Schaden wieder gut zu machen, doch mein sonst so  sanftmütiger Opa schrie mich mit einer Heftigkeit, die ich von ihm noch nie erlebt hatte an, ich solle verschwinden. Schließlich hätte ich schon genug angerichtet. Beleidigt zog ich ab und mied ihn und seiner Kammer drei Tage lang. Ich verstand einfach nicht, was zu diesem heftigen Wutausbruch geführt habe mochte. Als ich meinen Großvater danach wiedersah, tat er als sei nichts gewesen und erwähnte den Vorfall nie wieder. Mit der Zeit wurde er immer schwächer und konnte schließlich nicht einmal mehr Geschichten vorlesen. Eines sonnigen Märztages, dem ersten schönen Tag im Jahr, ist er dann schließlich ganz friedlich eingeschlafen und nie wieder aufgewacht. Mit dem gleichen seligen Blick, den ich mir beim Riesen und beim Mädchen damals vorgestellt hatte. Ich habe sein Zimmer lange nicht betreten. Erst am nächsten ersten Advent ging ich hinein, um das geliebte Weihnachtsbuch zu suchen. Nachdem ich es gefunden hatte, setzte ich mich auf das Bett und begann zu lesen, als ich plötzlich in der Matratze eine Vertiefung spürte. Ich hob die Matratze an und entdeckte ein kleines, verschmutztes, schäbiges Heft. Auf der ersten Seite stand in Großvaters zittriger, krakeliger Handschrift fast unleserlich eine Widmung: „Für meine kluge Enkelin, die sehr wohl weiß, dass die glücklichsten Momente oft auch die traurigsten sein können.“ Er hatte oft in der Schrift abgesetzt, es musste ihn riesige Mühe gekostet haben, die paar kleinen Worte zu Papier zu bringen. Auf der folgenden Seite hatte er mühsam versucht mit Farbstiften etwas zu malen, doch ich erkannte nicht was, denn die Seite war gewellt, dreckig und klebte, als sei irgendeine Flüssigkeit darüber gelaufen. Ich blätterte weiter und entzifferte nach einigen beschwerlichen Versuchen, was dort geschrieben stand: „Nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kamen, gingen sie in den Garten des Riesen und spielten dort“. Niemals wieder war mir so bewusst, wie recht Großvater mit seiner Widmung doch gehabt hatte. Es gibt sie wirklich diese Momente..................

Wenn ich jetzt in der Weihnachtszeit Tee trinke, einen Glühweinmuffin esse und  Opas Heft anschaue, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich  lachen oder weinen soll.   

 

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